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pax christi

menschen machen frieden - mach mit.

Unser Name ist Programm: der Friede Christi. 

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. 

» Alle Informationen zur Deutschen Sektion von pax christi

Wirtschaftsseminar 2017

02. Feb 2017

Bericht vom Seminar unter dem Titel "Wir schaffen das"

„Wir schaffen das!“

Unter diesem Titel veranstalteten das Ökumenische Netz Rhein-Mosel-Saar, die Bistums-stelle Trier und die Globalisierungskommission von pax christi in Kooperation mit der katholischen Erwachsenenbildung (KEB Westeifel) ein Seminar zu Flucht und Migration. Der Untertitel „Mit Ausgrenzungsimperialismus und Ausnahmezustand gegen die Flücht-linge“ dokumentierte schon die Blickrichtung. Eine Darstellung des Journalisten Georg Restle, die vor kurzem erschien (Monitor vom 19.01.), dokumentiert Kernpunkte der Diskussion. Es heißt in dem Beitrag: „Flüchtlingsdeal mit Libyen: Brutale Milizen als Partner Europas“: „Obergrenzen, Abschiebehaft, sichere Herkunftsländer. Die Flüchtlingsdebatte kannte in den letzten Wochen nur noch eine Richtung: Hauptsache raus! Worüber wir kaum noch sprechen, der grausame Tod tausender Menschen im Mittelmeer. Erst letzte Woche starben wieder Hunderte vor der Küste Libyens. Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl einen traurigen Höhepunkt - mehr als 4.000 Menschen wurden 2016 kamen auf der Flucht im Mittelmeer geborgen. Um den Fluchtweg Libyen zu blockieren, ist der Kanzlerin und der Europäischen Union jetzt offenbar jedes Mittel Recht - sogar ein Deal mit hochkriminellen Vereinigungen...“

Seitdem immer mehr Flüchtlinge Deutschland erreicht haben, scheinen zwei Blickrichtungen im Vordergrund zu stehen: die „Willkommenskultur“ und der Fremdenhass. Beides sind unmittelbare, aber gegensätzliche Reaktionen im Blick auf die Ankommenden. Ein Teil der Bevölkerung will helfen, ein anderer fühlt sich bedroht, ist anfällig für rechtsex-treme Parolen und geht im schlimmsten Fall mit Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte vor. Selbstverständlich wurde die Notwendigkeit der Hilfe bejaht, aber im Seminar ging es vorrangig nicht um diese unmittelbaren Reaktionen, sondern um den Entstehungszusammenhang der Fluchtursachen, der leider auch häufig von Helfern und Helferinnen nicht reflektiert wird.

Dazu wurden vier Aspekte dargestellt und diskutiert:

1.    Das kapitalistische System steckt in einer Krise, die es nicht mehr lösen kann. Die kapitalistische Konkurrenz zwingt dazu, Arbeit durch Technologie zu ersetzen. Damit untergräbt es seine eigenen Grundlagen, weil nur über die Verausgabung von Arbeit Wert und Mehrwert produziert werden können. Zugleich werden immer mehr Menschen für die kapitalistische Produktion überflüssig, weil ihre Arbeitskraft nicht verwertbar ist. Ohne Arbeit können Menschen im Kapitalismus ihr Leben nicht sichern. Hier liegt der entscheidende Grund dafür, dass Menschen in die Regionen fliehen, in denen das noch möglich erscheint.

2.    Die Antwort auf diese Krise ist ein Ausgrenzungsimperialismus. Statt die Grenzen der kapitalistischen Warenproduktion zur Kenntnis zu nehmen, versucht das System durch gewaltsame Strategien der Ausgrenzung die für den Kapitalismus überflüssigen Menschenmassen in Schach zu halten. Die Flüchtenden werden zum Sicherheitsproblem. Die Grenzsicherung wird vorangetrieben, Staaten schotten sich ab. In Afrika sollen Migrationszentren begleitet von Auflösung des Rechts entstehen – siehe die Zusammenarbeit mit den Milizen Libyens. Abschiebung ist das Gebot der Stunde. Menschen mit Nutzen für die Gesellschaft werden gefördert, ‚Überflüssige‘ abgeschoben.

3.    Der Ausgrenzungsimperialismus geht einher mit immer neuen Situationen des Ausnahmezustandes. Dies macht offenkundig, was sonst in den Regeln und Rechts-normen verborgen ist. Wird der Ausnahmezustand geschaffen, wird das Leben recht- und schutzlos. Menschen werden auf  nacktes Lebenreduziert, er wird – wie der italienische Rechtsphilosoph Giorgio Agamben auf der Grundlage einer altrömischen Rechtsfigur analysiert zum „homo sacer“ (bezeichnet). Schutz- und rechtlos kann er im Mittelmeer ertrinken oder unter den Maßnahmen der Internierung leiden – für Agamben wird das Lager zum Kennzeichen der Moderne. Eine Rechtsentscheidung des Souveräns hat ihn vogelfrei gemacht und dadurch rechtlich sowohl aus- wie auch gleichzeitig eingeschlossen – in den globalen Kapitalismus.

4.    Hier zeigt sich das Vernichtungspotential des kapitalistischen Systems. Es entzieht allen, die nicht nützlich sind, die Lebensgrundlagen. Ein System, das auf der abstrak-ten Vermehrung des Geldes beruht läuft perspektivlos ins Leere. In der Krise lässt sich diese Leere ideologisch aufladen  z.B. mit Nation, Rassismus, Antisemitismus etc.  Die Fremden bieten die Projektionsfläche für gefühlte Bedrohung und bieten sich als Ziel-scheibe der gewaltsamen Affekte an. In einer Gesellschaft, die unter der Maßgabe der Konkurrenz ein narzisstisches Subjekt hervorbringt, wurde gleichzeitig die Ermöglichung von Zuwendung, Solidarität und Reflexionsfähigkeit über die Lage der Welt erheblich zurückgedrängt. Letztere erfordert eine Distanz, die ein Narzisst kaum aufbringen kann.

Eine ausführliche Darstellung der ökonomischen und gesellschaftlichen Zustände Nigerias beleuchtete die obigen Überlegungen auf dem Hintergrund eines gespaltenen und zerfallenden Staates.

Wenn der Titel des Seminars die Formulierung „Wir schaffen das“ aufgenommen hat, haben die Überlegungen das Gegenteil nahe gelegt. Wir in Deutschland können und müssen Flüchtlinge aufnehmen, aber angesichts des krisenhaften Verlaufs des Systems kann das nicht verhindern, dass sich deren Zahl potenziert. Das Leben von Menschen und die Schöpfung als Grundlage des Lebens können nur gesichert werden, wenn der Kapitalismus und seine alles vernichtende Leere überwunden wird.

Der Gottesdienst mit seinen biblischen Texten, besonders mit der Perikope aus dem 1. Korintherbrief eröffnete noch einmal einen neuen Zugang zu den Inhalten des Seminars. Es heißt dort im Vers 28: „Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt; das was nichts ist, um das was etwas ist, zu vernichten.“ Wir müssen wohl so übersetzen: Der Recht- und Schutzlose ist von Gott erwählt. Von ihm zu denken, führt mitten hinein in die Kritik eines Systems, das mit den für den Kapitalismus Überflüssigen schutz- und rechtlose Menschen schafft.

 

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