Zum Inhalt [I]
Zur Navigation [N]
Kontakt [C] Aktuelles [2] Suchfunktion [4]
EZB.jpg

pax christi

menschen machen frieden - mach mit.

Unser Name ist Programm: der Friede Christi. 

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. 

» Alle Informationen zur Deutschen Sektion von pax christi

Spiritualität

Gottesdienst zum 1. Fastensonntag 2017

Gottesdienst zum Ersten Adventssonntag 2016

 

Kyrie

 

Jesus, Menschensohn,

Für Menschen, die Dir begegnet sind, bist Du zur Hoffnung auf Menschlichkeit geworden.

Herr, erbarme Dich!

 

Bis in den Tod hast Du dich unmenschlicher Herrschaft widersetzt.

Christus, erbarme Dich!

 

Als Menschensohn hat Gott Dich zur Hoffnung auf eine menschliche Welt gemacht.

Herr, erbarme Dich!

 

 

Erste Lesung:

 

Hinführung:

 

Israels Geschichte ist geprägt von Katastrophen und Leid. In dieser Geschichte hat Israel die Erinnerung an seinen Gott und seine Taten der Befreiung bewahrt. In ihr ist die Hoffnung auf Gott lebendig geblieben. Von ihr getragen hat sich Israel nicht mit der Welt, wie sie ist, abgefunden, sondern ihr widerstanden. Dazu haben es Bilder der Hoffnung stark gemacht, wie sie uns der Prophet Jesaja überliefert hat.

 

Lesung aus dem Propheten Jesaja

 

Text: Jes 2,1-5

 

 

Zweite Lesung

 

Paulus warnt die Gemeinde in Rom davor, sich den römischen Verhältnissen anzupassen. Sie soll sich nicht einschläfern lassen von römischen Inszenierungen wie sie unter dem Begriff von „Brot und Spiele“ bekannt sind. Mit ihnen sind „maßloses Essen und Trinken“, „Unzucht und Ausschweifung“ verbunden. Darin können Christen vergessen, dass sie ihre Hoffnung auf eine neue Welt setzen und deshalb in der Taufe das Gewand Christi angelegt haben.

 

Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer

 

Text: Röm 13,11-14a

 

 

Evangelium: Mt 24,29-44

 

Auslegung

„Seid wachsam!“ Mit dieser Aufforderung beginnt die Adventszeit. Gemeint ist die Wachsamkeit für den Menschensohn und für Israels Gott, der uns in ihm entgegen kommt. Heute scheint es, als greife diese Botschaft ins Leere. Viele warten nicht auf Gott und erwarten auch nichts von ihm. Theologen sprechen von Gottesverdunstung. Was lässt Gott und die Inhalte des Glaubens an ihn verdunsten?

 

Religion ist Privatsache. So heißt es seit der Neuzeit. Und es ist gut so, dass die Zeiten vorbei sind, in denen politische Macht und Religion, Thron und Altar miteinander verbunden waren. Dennoch ist das Abwandern der Religion ins Private nicht ohne Probleme. Hier wird sie zur Sache der einzelnen, die sich der Religion bedienen, um dem privaten Leben Halt zu geben, es durch religiöse Überhöhung sicherer und feierlicher zu machen. Und am Ende seines Lebens darf der einzelne erwarten, dass Gott seine bürgerliche Existenz in die Ewigkeit verlängert, sein Leben also auch nach dem Tod weitergeht. Welt und Gesellschaft hingegen bleiben sich selbst überlassen. Dass Menschen verhungern und auf den Schlachtfeldern sterben, dass Juden vernichtet wurden, ficht eine privatisierte Religion für einzelne ebenso wenig an wie die beunruhigende Frage nach Gerechtigkeit für all diejenigen, die in der Geschichte Opfer des Unrechts geworden sind. Das private Leben genügt. Gott verdunstet ins Private. Welt, Gesellschaft, Geschichte gehen ihren Gang in einer anonymen und leeren Zeit, die kein Ende und schon gar kein Finale kennt. Und so verdunstet auch die Sehnsucht nach einem guten Ende für die Welt, die Sehnsucht nach dem Kommen Gottes und des Menschensohns, der die Welt richtet, neu ausrichtet auf eine neue, eine menschliche Welt in Gerechtigkeit und Frieden, eine neue Welt, zu der auch die Toten auferweckt werden, in der auch den Opfern des Unrechts Gerechtigkeit widerfährt.

 

Während Gott verdunstet, ist Religion - so hat es der Theologie Johann Baptist Metz diagnostiziert - „höchst willkommen … als Glücksgewinnung durch Leid- und Trauervermeidung und als Beruhigung vagabundierender Ängste. Religion als mythische Seelenverzauberung...“[1] In den Zeiten, in denen es hieß, 'Alles geht', boomten die esoterisch religiösen Glücks- und Verzauberungsangebote. Spiritualität versprach, das Glück der Selbsterfahrung in Körper und Seele zu intensivieren und zu erweitern. Den Preis dafür hat Nietzsche ausgeplaudert, als er sagte: 'Wer glücklich sein will, muss vergessen können.' Der Glückliche soll also positiv gestimmt sein und alles Belastende hinter sich lassen. Im Rausch des 'Alles geht' wird vergessen, was Menschen zu erleiden haben: die Zerstörung des Lebens, die sich in der dramatisch wachsenden Spaltung in Arme und Reiche, in zerfallenden Regionen und Staaten zeigt. 

 

Der Traum, dass alles geht, war begleitet von dem Traum, dass mit der unendlichen Vermehrung des Geldes auf den Finanzmärkten ein ewiger Kapitalismus – ohne Umweg über die einbrechende Arbeit - etabliert werden könne. Mit dem Platzen der Finanzblasen sind diese Träume geplatzt. Seitdem werden die Kämpfe um das Überleben brutaler – auch die Konkurrenzkämpfe um die schwindenden gut bezahlten und sicheren Arbeitsplätze. Es wächst der Druck, sich anzupassen. Zwischen Erfolgsversprechen und Abstiegsdrohung sollen Menschen sich ständig selbst optimieren und bereit halten für die Verwertung ihrer Arbeitskraft. Angesichts einer unerbittlichen Konkurrenz und der nicht zu bannenden Angst vor dem Scheitern ist es nie genug an Selbstanpassung in der Gestalt ewiger Selbstoptimierung.

 

Die darin erschöpften Menschen suchen Entlastung und Entspannung. Dazu wird auf den Märkten der Esoterik und auch von den Kirchen Religion angeboten: als entspannende Wellness gegen den alltäglichen Stress, als erfahrungs- und erlebnisintensive Events gegen die Leere des Funktionierens. Und auch dabei muss wieder einiges vergessen werden: die Wahrheit und die Wirklichkeit. Entlastende Religion muss nicht wahr sein, sie muss ein gutes Gefühl vermitteln und unmittelbar nützlich sein für die gesuchte spirituelle Entspannung. Nicht Inhalte, nicht Wahrheit, sondern Design und Inszenierung sind gefragt. Vergessen wird nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Wirklichkeit und mit ihr die Frage, was das denn für eine Gesellschaft ist, die Menschen so zurichtet. Unter dem Druck zur Anpassung drohen Menschen mit der Welt, wie sie ist, zu verschmelzen. Es verdunstet die Vorstellung, dass es auch anders sein konnte, und mit ihr die Sehnsucht nach der Überwindung des Sklavenhauses, das zu Anpassung und Einverständnis zwingt.

 

Ohne Erinnerung, ohne kritisches Nachdenken über Inhalte und die gesellschaftlichen Verhältnisse boomt zwar Religion. Aber wo bleibt Gott, Israels Gott, von dem die Bibel erzählt, dass er die Schreie der Versklavten hört und aus den Sklavenhäusern befreit, der Gott Jesu, der seinen gekreuzigten Messias gegen die Macht des römischen Imperiums aufgerichtet hat? Gott droht in einer Gesellschaft zu verdunsten, wo das, was ist, alles ist. In einer solchen Gesellschaft verdunstet jeder Gedanke an Transzendenz, also an das Überschreiten von Grenzen in der Geschichte und über die Geschichte hinaus. Wenn das Überschreiten von Grenzen nicht mehr vorstellbar ist, gehen auch die Gebete ins Leere. Der Glaube an das ewige Leben ist nicht einmal mehr Privatsache. Als Weiterleben in den Nachkommen wird er zu einer Frage der Biologie und verdunstet als Weiterleben der eigenen Gene.

 

Angesichts der Gottesverdunstung können wir die Texte des heutigen Sonntags als Aufforderung zur Wachsamkeit für Gott und für die Inhalte des Glaubens verstehen. Gott ist weder Privat- noch Anpassungssache. Er lässt sich nicht für privaten Gebrauch reservieren, sondern ist Gott der Welt und der Geschichte, in der Menschen leiden und nach Befreiung schreien. In unserem Evangelium ist der Name Gottes hinein buchstabiert in „die Tage der großen Not“, konkret des Krieges der Römer gegen die Juden, mitten hinein in eine Situation, in der für die Opfer der Gewalt das ganze Gefüge der Welt mit Sonne, Mond und Sternen zusammenbricht. Hier hilft kein Vergessen. Hoffnung wächst aus der Erinnerung an die Große Erzählung der Bibel, aus der Weigerung, die Welt, wie sie ist, hinzunehmen. Der Menschensohn ist ein Bild gegen die Welt, wie sie ist, ein Bild der Menschlichkeit gegen unmenschliche Herrschaft. Er erinnert daran, dass aus einer Welt unter der Herrschaft von Torror und Gewalt eine menschliche Welt werden soll. Diesen Menschensohn haben die christlichen Gemeinden in Jesus erkannt, der hingerichet wurde, weil er gegen die Herrschaft der Unmenschlichkeit aufgestanden war. Seine Auferstehung haben sie als Gottes endgültiges Wort verstanden, das unmenschliche Herrschaft richtet und zu Wegen der Befreiung aus der Welt, wie ist, ermutigt.

 

Wir bedürfen der Wachsamkeit und der Erinnerung, damit Gottes Wort für die Welt nicht als Privatsache verdunstet. Unser Evangelium erinnert uns daran, dass es die Grenzen des Privaten durchbricht, weil es auf dem Ende der Katastrophengeschichte, auf der Rettung der Opfer und deshalb auf Änderung der Machtverhältnisse besteht. Die Hoffnung darauf ist ohne religiösen Machtanspruch, aber sie ist Kritik und Widerstand gegenüber Verhältnissen, denen Menschen zum Opfer fallen.

 

Wir bedürfen der Wachsamkeit und der Erinnerung, damit Gottes kritisches, die Machtverhältnisse richtendes Wort, nicht in Anpassung verdunstet, nicht in beschwichtigender religiöser Entlastung, die die Augen vor der Wirklichkeit verschließt. Deshalb ermahnt Paulus die Gemeinde in Rom, „aufzustehen vom Schlaf“, auf zu wachen aus religiösen Träumen, sich nicht einschläfern zu lassen von Events wie Brot und Spielen. Mit ihnen werden die Verhältnisse für einzelne vielleicht erträglicher, aber nicht überwunden.

 

Vertröstendes und entlastendes „Opium des Volkes“ hat Karl Marx die Religion genannt. Und er hat recht, wenn Religion mit Glücks- und Entlastungsangeboten ihr Ein- und Auskommen sucht mit der Welt, wie sie ist. Gott hingegen ist ein Thema für wache Zeitgenossen – nicht für Schlafmützen und angepasste Esoteriker, die Religiöses suchen, um weiter funktionieren und gut schlafen zu können. Israels und Jesu Gott steht für den Einspruch dagegen, dass es so weitergeht, gegen das Vergessen der Leiden von Menschen und das Vergessen des Versprechens einer menschlichen Welt, in der auch den Toten Gerechtigkeit widerfährt.

 

Damit der Glaube an Gott nicht verdunstet, bedarf er wachsamer Pflege. Weil seine Inhalte nicht schnell daher gesagt und leicht eingängig sind, bedürfen sie einer Kultur biblischer Erinnerung, des Nachdenkens und des Gesprächs - nicht zuletzt darüber, was sie in unserer Gesellschaft bedeuten. Sie bedürfen der Sprache der Gebete und der Feier der Liturgie. Darin wird Gottes Name aus- und angesprochen. Wir können erahnen, welche Inhalte mit diesem Namen verbunden sind. Weil Gebet und Liturgie an Gott und sein großes Versprechen der Befreiung erinnern, lassen sie Gott und seinen Menschensohn angesichts der Katastrophen und Abgründe in unserer Welt schmerzlich vermissen. Und so mündet die Bibel wie alle Gebete und alle Liturgie in den Schrei nach Gott und seinem Menschensohn: Komm, Herr Jesus, komm!

 

 

Fürbitten

 

Gott der Befreiung und des Lebens, Du hast uns das Kommen des Menschensohns und eine menschliche Welt versprochen. Weil wir Dich und Deine Verheißungen vermissen, bitten wir:

 

Für die Opfer des Krieges in Syrien, für diejenigen, die um ihr Überleben kämpfen, für alle, die um Tote trauern und für die Toten:

um Befreiung von Terror und Krieg, um eine menschliche Welt, um das Kommen des Menschensohns

 

Für alle die fliehen, weil die Grundlagen ihres Lebens zerstört sind:

um Rettung aus den Gefahren der Flucht, um menschenfreundliche Aufnahme, um eine menschliche Welt, um das Kommen des Menschensohns

 

Für diejenigen, die krank werden, weil sie den Druck zur Anpassung nicht mehr aushalten:

um  Menschen, die verstehen und Lasten mittragen, um Propheten, die Einspruch erheben gegen immer neue Zumutungen, um eine menschliche Welt, um das Kommen des Menschensohns

 

Für alle, die sich der gesellschaftlichen Krise entgegenstellen, für diejenigen, die helfen, wo Menschen unter die Räder geraten, für alle, die den Mund aufmachen gegen Ausländerfeindlichkeit, gegen Rassismus und Antisemitismus, für Menschen, die versuchen, die Verhältnisse kritisch zu analysieren:

um Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, um Aufmerksamkeit, um Kraft gegen Spott und Ignoranz, um eine menschliche Welt, um das Kommen des Menschensohns  

 

Für unsere Kirchen, die oft schwanken zwischen gesellschaftlicher Anpassung und Treue zum Evangelium:

um einen wachen Blick für die Wirklichkeit, um Wachsamkeit für Gott und das Kommen des Menschensohns

 

Für unsere Toten und für alle, die um sie trauern:

um Gemeinschaft zwischen Lebenden und Toten,  um einen neuen Himmel und eine neue Erde, um das Kommen des Menschensohns

 

Gott, wach auch Du auf. Biete Deine Macht auf und komm. Lass Deinen Menschensohn endlich erscheinen, damit Unrecht und Gewalt, Leid und Tod ein Ende finden.



[1]     Johann Baptist Metz, Religion ja – Gott nein, in: ders., Tiemo Rainer Peters, Gottespassion. Zur Ordensexistenz heute. Düsseldorf 1991, 10 – 62, 24.

 

Aktiv