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I. Weltkrieg

Als die deutschen Truppen im Juli 1914 unter dem Jubel der Bevölkerung und dem Läuten der Glocken zum Kampf ausrückten, ahnte niemand, dass knapp ein Jahr später Papst Benedikt XV. diesen Krieg ein „Morden“ und „Gemetzel“ nennen würde und ihn als „entsetzliches Blutbad“, „Wahnsinn“ und „Selbstmord des zivilisierten Europa“ bezeichnete.

Die deutschen Katholiken im Ersten Weltkrieg

Schier unbegreiflich erscheint heute, was in den Kirchen damals gepredigt wurde. Bischöfe wie Michael von Faulhaber oder Paul Wilhelm von Keppler, bekannte Professoren wie der Alttestamentler Norbert Peters oder der Dogmatiker Engelbert Krebs und viel gelesene theologische Schriftsteller wie Joseph Bernhart  oder Peter Lippert haben einmütig dem Krieg und dem Vaterland eine religiöse Weihe verliehen. In  der damals vom Klerus am meisten gelesenen Predigtzeitschrift  „Chrysologus“ schrieb der bekannte Theologe Otto Karrer viermal auf einer Seite: „Der Kaiser ruft – Gott ruft“. Innerhalb kurzer Zeit waren eine Fülle von Büchern und Broschüren mit Kriegspredigten auf dem Markt. Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn gab es 112 „katholische“ Titel von Kriegsschriften mit religiösem Charakter, davon 62 Predigt- und 50 Kriegs- und Soldatenbücher – ohne die Zeitschriftenliteratur, „die nun allesamt auf den Krieg eingestimmt“ waren. 

Der Krieg als „heilige Zeit“ verklärt
Die Prediger erlebten den Krieg zunächst als einen Durchbruch elementarer Kräfte in einer müde und kraftlos gewordenen Zeit, als einen unerwarteten Anstoß zu religiöser und moralischer Neubesinnung. Sie  jubelten, weil die Kirchen über Nacht wieder gut besucht wurden. „Was kein Bußprediger, keine Mission fertiggebracht hat, das ist dem Krieg mit einem Schlag gelungen; er hat aus gottvergessenen Weltkindern hilfesuchende Gotteskinder gemacht!“ So wurde der Krieg ‚Deutschlands größte Zeit’, ‚heilige Zeit’ und ‚Zeit der Gottesnähe’ genannt. Er sei der „Tag, den Gott gemacht“ hat, eine „Zeit der Gnade“. Weil man überall eine religiöse Umkehr zu erkennen glaubte, zitiert man das Wort Moltkes, der Krieg sei ein „Element der von Gott eingesetzten Weltordnung“, durch das die Menschen vom Bösen weggeführt und in ihrem Charakter geformt würden. Und: „Ohne den Krieg würde die Welt im Materialismus versumpfen.“ In ihm entwickelten sich „die edelsten Tugenden“: Mut und Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit. Nicht wenige sahen darüber hinaus im Krieg eine Offenbarung Gottes, der nun „sehr vernehmlich ... mit Kanonendonner, mit Blut und Eisen“ durch die Welt gehe. Bischof von Faulhaber verglich den Krieg mit der „Erscheinung des Herrn im Dornbusch, die uns lehrt, vor dem Heiligtum in Ehrfurcht die Schuhe von den Füßen zu ziehen“. 

Wohlgemerkt: Der Krieg wurde nicht begrüßt und gefeiert, weil man ihn liebte. Im Krieg sah man vielmehr ein unerwartetes Mittel, eine kaum mehr für möglich gehaltene religiös-sittliche Erneuerung Deutschlands und der Welt einzuleiten. Bischof von Faulhaber war der Meinung: „Die schwerste Niederlage in diesem Weltkrieg ist der Kreditverlust des Atheismus und anderer fremden Götter von ähnlichem Kaliber.“ Bei solcher Sichtweise ist es nicht mehr verwunderlich, wenn ein Prediger sich zu der Äußerung verstieg: „Gerade unsere Mutter die Kirche begrüßet von Herzen den großen eisernen Besen.“

Wenn wir dem Staat gehorchen,  gehorchen wir Gott. Denn Gott hat den Krieg befohlen.
Ordnung und Gerechtigkeit, das Gute und der Wille Gottes werden durch Deutschland repräsentiert, Frankreich hingegen steht für Unmoral, Unzucht und Gottlosigkeit. Wenn es wirklich um die Zukunft der Menschheit geht, wenn wirklich die Ordnung Gottes auf dem Spiel steht, dann ist der Gedanke nicht mehr fern, Deutschland habe einen Kreuzzug zu führen: „Es ist ein heiliger Krieg, in den unsere Krieger hineingerissen wurden, denn er steht im Einklang mit dem heiligen Willen der
Gottheit.“  Was aber kann ein religiöser Mensch anderes tun als sich der Sache Gottes zu verschreiben? 

Die Zuverlässigkeit gegenüber Kaiser und Reich zeigte sich vor  allem im Gehorsam gegenüber der Obrigkeit: „Wir behaupten, dass die Katholiken zu den besten und treuesten Untertanen gehörten und noch bis zur Stunde gehören.“ –  „Wer als Soldat nicht gehorchen wollte, wäre ein Verräter, ein Verbrecher an der Kraft und an der Festigkeit und am Siege des deutschen Volkes und Heeres. Kameraden! Wahret diese heiligsten Güter des glorreichen deutschen Heeres, seid treu im Gehorsam! ... Jesus, unser Feldherr, lehre uns gehorchen!“ Der Gehorsam wurde gewissermaßen zum Kennzeichen des echten katholischen Christen. So konnten die deutschen Bischöfe noch 1917, als sich bereits allgemeine Kriegsmüdigkeit ausbreitete,  in einem gemeinsamen Hirtenbrief sagen: „Wir wissen ja, daß jeder, der sich der obrigkeitlichen Gewalt widersetzt, sich der Anordnung Gottes entgegenstellt, und die sich dieser entgegenstellen, ziehen sich selber die Verdammnis zu.“ In den Obrigkeiten spiegelte sich „gewissermaßen das Bild der göttlichen Macht und Vorsehung über den Menschen“, man musste für sie beten, aber vor allem musste man ihnen gehorchen. „Wenn wir dem Staat gehorchen,  gehorchen wir Gott. Denn Gott hat den Krieg befohlen.“

Diese Mischung aus Rechtfertigung und Verherrlichung des Krieges, Sanktionierung der bestehenden Ordnung und Verpflichtung zum Gehorsam, nationalistischer  Blickverengung, Verharmlosung des Todes, Spiritualisierung des Friedens und einer verfälschenden Deutung göttlichen Handelns dürfte in der Geschichte der Kirche einmalig sein. Der gute Wille und die persönliche Integrität der Prediger haben ebenso wenig wie ihre „Rechtgläubigkeit“ verhindert, dass sie die Gläubigen einen Weg gewiesen haben, den wir nur als verhängnisvoll bezeichnen können.

Mit dem Krieg war eine Welt zusammengebrochen –  auf die Theologie und das kirchliche Leben hatte der Krieg keine erkennbaren Auswirkungen: Man lehrte und machte weiter wie bisher, als hätte es die Kriegskatastrophe nicht gegeben, blind für die Zeichen der Zeit, taub für prophetische Stimmen, die vor den Gefahren des Nationalismus und des Militarismus warnten. Die zahlenmäßig kleine Gruppe, die sich im ‚Friedensbund deutscher Katholiken’ zusammenfand und die eine beachtliche friedensethische und friedenspolitische Arbeit leistete, konnte keinen nennenswerten Einfluss auf das kirchliche Leben und auf die Politik gewinnen. Der fast völlige Ausfall einer Reflexion des Ersten Weltkriegs in Theologie und Kirche dürfte eine der Ursachen dafür sein, dass die deutschen Katholiken auch 25 Jahre später  gehorsam und opferbereit bis zum bitteren Ende ihre vermeintliche Pflicht erfüllten.  

Heinrich Missalla ist Priester, war Geistlicher Beirat  der deutschen pax christi-Sektion, ist Mitherausgeber der Zeitschrift Publik Forum, lehrte von 1971 bis 1991 als Professor Katholische Theologie an der Universität Essen und war Mitglied des Bensberger Kreises.

 

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