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Gedenkjahr 2014

Aspekte zum Umgang mit dem 100. Jahrestag Kriegsbeginn Weltkrieg I

Das Jahr 2014. Ein Gedenkjahr besonderer Art


Von Johannes Schnettler

Im Jahr 2014 begehen wir den 100. Jahrestag des Beginns von Weltkrieg 1, den 75. Jahrestag von Weltkrieg 2 und den 25. Jahrestag des Endes des Ost-West-Konflikts. 
Alle Daten stehen in ein und derselben Verbindung, gilt doch der 1. Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Er war der Ausgangspunkt einer Epoche globaler Veränderungen, die im Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erlebte und erst mit den Umbrüchen der Jahre 1989 endete.

Während insbesondere in den westlichen Nachbarländern der Bundesrepublik Deutschland die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart hinein sehr lebendig ist, überlagert in Deutschland die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs die Erinnerung an Weltkrieg 1. 

Der 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs bietet Gelegenheit, sich intensiver mit diesem Krieg auseinanderzusetzen und insbesondere über aktuelle Bezüge zur heutigen Politik nachzudenken sowie neue Zugänge der Erinnerung anzustoßen.

1. Eine vergessene Katastrophe?
Die Jahrestage des Kriegsbeginns, 1. August 1914  bzw. des Kriegsendes, 11. November 1918, finden in Deutschland nur geringe bis gar keine Beachtung. Der Volkstrauertag, in den 1920er Jahren als Gedenktag für die Gefallenen des 1. Weltkriegs eingeführt, erinnert wie die Mahnmale in den Städten und Dörfern auch an die „Gefallenen der beiden Kriege“. Wie kann das in Grundzügen bekannte Allgemeinwissen über diesen Krieg aktualisiert und neu vergegenwärtigt werden: Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers als Auslöser, die europaweite Begeisterung für den Krieg, der Stellungskrieg, die Materialschlacht, der Einsatz von Giftgas, U-Boot-Krieg, Verdun, Flandern, Versailler Vertrag – aber auch die Lehren aus diesem Krieg mit der Gründung des Völkerbundes? Nicht zu vergessen auch die zivilgesellschaftlichen Initiativen wie die Gründung des internationalen Versöhnungsbundes am Vorabend des Krieges und des Friedensbundes deutscher Katholiken im Jahre 1920.

2. Das Verhängnis der Nationalstaaten
Das Drängen nach Vormachtstellung in Europa führt zu einer komplexen Bündnispolitik, die an die Grenzen der Diplomatie und in den unausweichlichen militärischen Konflikt führt. 
Können wir heute noch Lehren aus dieser verhängnisvollen Politik ziehen? Ist diese nationalstaatliche Verengung durch die Europäische Union überwunden? Oder hindert nicht vielmehr ein Festhalten am Prinzip der nationalstaatlichen Souveränität ein Zusammenwachsen der Völker Europas zu einer staatlichen Gemeinschaft? Der 100. Jahrestag könnte Gelegenheit bieten, auf die politische Einigung Europas zu drängen.

3. Die Dynamik der Rüstungsausgaben und die (Un-)Beherrschbarkeit der Rüstungstechnologie
Das Drängen nach Vormachtstellung in Europa führt zu einem ruinösen Rüstungswettlauf. Im Deutschen Reich steigen die Rüstungsausgaben von 1,4 im Jahre 2013 auf 2,24 Milliarden Mark in 1914. Im gleichen Jahr liegen die Rüstungsausgaben in Russland bei 1,8 in Großbritannien bei 1,6 und Frankreich bei 1,2 Milliarden Mark (nach Chronik des 20. Jahrhunderts). Die mangelnde Beherrschbarkeit der neuen Rüstungstechnologie, die Artillerie, das Maschinengewehr, die chemischen Waffen, die Panzer waren Ursache für die Materialschlachten und die Massentötungen. 

Sind nationale Armeen in Europa noch zeitgemäß? Wie viel Finanzkraft binden die nationalen Verteidigungshaushalte? Droht uns mit der modernen Waffentechnologie nicht eine ähnliche Gewalteskalation wie 1914? Welche Kriegsgefahren liegen in den neuen Waffentechnologien wie den Drohnen? Sind wir in der Lage, diese strategisch zu beherrschen? Wie verhält sich der weltweite Waffenhandel zu den Materialschlachten des 1. Weltkriegs?

4. Die Kirche vor der Friedensfrage
Papst Benedikt XV. hat den Weltkrieg 1 als „grauenhaft nutzlose Schlächterei“ verurteilt. Die kriegskritische Haltung des Papstes ist im deutschen Katholizismus der Jahre 1914-1918 nicht aufgegriffen worden. Das Wort Kaiser Wilhelms blieb unwidersprochen: „Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird“. In Europa haben die katholischen, protestantischen, orthodoxen und anglikanischen Kirchen in ihren Ländern den Krieg vom ersten Tag an unterstützt und in ihm jeweils einen Krieg für die gerechte Sache erblickt. 

Haben wir mit der heutigen Friedenethik von pacem in terris, Vaticanum 2, Gerechtigkeit schafft Frieden, Gerechter Friede unsere friedensethischen Hausaufgaben gemacht? Welche Rolle hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in diesen Jahren gespielt? Brauchen wir angesichts der Strategie der „Responsibility to protect“ nicht ein neues Hirtenwort „Gerechter Friede 2 “?

5. Gedenken
Es kann nicht darum gehen, eine spezielle Erinnerungskultur zu Weltkrieg 1 zu begründen. Dafür ist die etablierte Gedenk- und Erinnerungskultur im Blick auf beide Kriege zu ausgeprägt, weil erinnerungsstark. Wohl aber lohnt sich ein Nachdenken darüber, wie die besonderen Erfahrungen dieses Krieges Anstöße zur Gewissenbildung sein können. Und welche Rolle können die Orte der Erinnerung in Frankreich (z.B. Gedenkstätte von Verdun oder die „Wege der Erinnerung 14-18“ um Lille) und Belgien („In Flanders Fields“) für unsere Erinnerungsarbeit dabei einnehmen? Was können wir lernen aus der Tatsache, dass englische Schulkinder regelmäßig die Soldatenfriedhöfe des 1. Weltkriegs in Flandern besuchen und dabei auch Zeichen des Gedenkens auf den deutschen Soldatenfriedhöfen hinterlassen? 

Dieser Text wurde in den Ständigen Arbeitskreis Politische Grundfragen im ZdK eingebracht.
Johannes Schnettler war von 1994 bis 2012 Vizepräsident der Deutschen Sektion pax christi.
 

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