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Gewaltfreiheit neu justieren

Profile und Prinzipien einer gewaltfreien Weltgestaltung

Prof. Dr. Prof. h.c. Egon Spiegel

Die Entdeckung der Gewaltfreiheit als probates Mittel der Konfliktlösung durch Gandhi darf als ebenso bahnbrechend wie wegweisend bezeichnet werden. Das schließt nicht aus, dass auch vor Gandhi schon die konfliktpraktische wie –ethische Relevanz der Gewaltfreiheit (etwa von Leo Tolstoi) erkannt und herausgearbeitet wurde. Martin Luther King und mit ihm die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung knüpften an die Erfahrungen und Reflexionen Gandhis an und schrieben sie fort. Unzählige Quellen stellen sicher, dass wir in vielerlei Hinsicht wissen können, was Gewaltfreiheit ist. Ihr Plus und ihr Manko zugleich sind, dass sie Gewaltfreiheit als die heroische Umsetzung eines ethisch nicht mehr zu übertreffenden Postulats im Horizont außergewöhnlicher Situationen beschreiben – und ihr dadurch aber auch, nolens volens, den Beigeschmack einer gewissen Ferne und Uneinholbarkeit bescheren. Was wir demgegenüber brauchen, sozusagen als zweite revolutionäre Entdeckung, ist die erklärte Wahrnehmung von Gewaltfreiheit im Horizont des alltäglichen Zusammenlebens und dieses auf sowohl (inter)aktionaler wie struktureller Ebene. Gewaltfreiheit, so ist zu zeigen, ist unsere maßgebende eigentliche Wirklichkeit.

Gewaltfreiheit ist Alltag
Das lenkt den Blick etwa auf die Lösung von Verkehrsproblemen durch einen Kreisverkehr oder die Bewältigung von individuellen Krankheitsverläufen durch die Einrichtung von Krankenkassen, auf das breite Spektrum von Bildungseinrichtungen und sozialen Diensten, auf Politik, Ökonomie und Jurisprudenz, auf die Vielfalt von Kommunikationsnetzen und Kooperationen. Die Reihung kultureller Errungenschaften kann beliebig fortgesetzt werden. Dass sie so diffus und willkürlich anmutet, soll verdeutlichen, dass sie, ist sie erst einmal eröffnet, endlos ist und darin bis in die Einrichtung von Tierheimen und das Betreiben der Deutschen Bundesbahn, die Gründung von Sportvereinen, das Führen eines Unternehmens oder standesamtliche Beurkundung reicht. Peter Kropotkin hat es uns, gegen die Darwinisten, schon um die Jahrhundertwende (1900) wissen lassen: Was unser Zusammenleben wesentlich bestimmt, ist mutual aid, eine tief in unserer Natur verwurzelte Fähigkeit und Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe. Unser Leben ist wesentlich geprägt durch Gewaltfreiheit. Dabei ist Gandhis Salzmarsch nur eine außergewöhnliche Erscheinung von Gewaltfreiheit im Meer ihrer unzähligen Realisierungen. Diese Verortung setzt natürlich voraus, dass man Gewaltfreiheit nicht nur auf der interaktionalen Ebene ansiedelt und wahrnimmt, sondern auch auf der strukturellen bzw. institutionellen Ebene.

Damit sind wir bei einem weiteren, zentralen Schwenk in der Gewaltfreiheitspropaganda: Er geht weg vom Sollen hin zum Können, vom Postulat zur Empirie. Wir verzichten auf Gewalt nicht, weil wir es aus moralischen oder welchen Gründen auch immer sollen, sondern weil wir es können und tagtäglich praktizieren. Unser Sollen ist folglich das Resultat unseres Könnens und Wollens. Es ist darin tief verankert und die Realisierung unserer eigentlichen Natur. Gegenprobe: Gewalt ist immer die Ausnahme, sie wird als solche auch wahrgenommen und ist immer begleitet von einer Erklärung und Entschuldigung. Was wir uns also abzuverlangen haben, ist nichts weiteres, als die ubiquitäre Praxis der Gewaltfreiheit als unsere eigentliche Wirklichkeit und, mit dieser verbunden, unser eigentliches Potential auf der Basis empirischer Betrachtungen herauszuarbeiten und herauszustellen. Wiederum auf der außergewöhnlichen Ebene unseres Zusammenlebens hat das beispielhaft Gene Sharp schon in den 1970er Jahren durch seine historische Studie gewaltfreier Aktionen getan. Peace Counts leistet heute ähnliches durch die Zusammenstellung erfolgreicher gewaltfreier Aktivitäten. Das Zusammentragen alltäglicher Gewaltfreiheitsphänome – sie reichen vom banalen Zusammensitzen im Bistro bis hin zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer – braucht nicht nur nicht den Vergleich mit den beeindruckenden Sammlungen außergewöhnlicher gewaltfreier Aktionen durch namhafte Friedensforscher*innen und Friedenspädagogen*innen zu scheuen. Keines darf gegen das andere ausgespielt werden.

Gewalt in Nichts verlängern
Friedensforschung, Friedenserziehung und Friedensarbeit sind darüber hinaus in einem weiteren Punkt gefordert: in der Abkehr von einer Fixierung auf das verstörende Dunkle, auf die Phänomene des Misslingens unseres Zusammenlebens vom Nachbarschaftskonflikt bis hinein in die internationale Politik. Nach wie vor sind jedoch ihre Strategien stark durch Konzeptionen des punktuellen Dagegenhaltens vor dem Hintergrund einer medial einseitig inszenierten Weltsicht bestimmt und mangelt es der gewaltfreien Aktion nicht an einer „subversiven“, sondern einer ihr entsprechenden „konstruktiven“ Seite, dem Aufzeigen von Alternativen (Th. Ebert). Noch orientieren sich die Friedensbewegungen vornehmlich am Modell des Ringkampfes anstelle des Ju-Jutsu: Sie halten dagegen, anstelle Gewalt ins Nichts zu verlängern. Noch realisieren Friedensforschung, -erziehung, -arbeit im Großen und Ganzen auch nicht die Chancen der Globalisierung als eigentlich wünschenswerte Rahmenbedingungen eines universalen Friedenshandelns. Mit dieser Sicht verbunden sind auch positive Einschätzungen ökonomischer Netzwerke – ganz im Sinne Johan Galtungs, der schon in den 1970er Jahren die Prognose wagte, dass es nicht vornehmlich ethische Grundsätze sind, die zur Abschaffung des Krieges beitragen werden, sondern ökonomische Verflechtungen.

Sollte die Friedensbewegung nicht hoch erfreut sein über die Tatsache, dass auf allen Ebenen des Zusammenlebens (in kulturellen wie religiösen und nationalen) beachtliche Amalgamierungsprozesse stattfinden? Und sollte sie sich strategisch wie konzeptionell nicht in erster Linie an „Unity“-Phänomenen als, wie bisher, an „Diversity“-Phänomenen orientieren, also die Universalien, das, was uns allen gemeinsam ist, als Ausgangspunkt einer gewaltfreien Weltgestaltung wählen, mit anderen Worten: Gemeinsamkeiten suchen und auf dieser Basis Besonderheiten unangestrengt wahrnehmen und schätzen lernen. Leben und agieren die heraufkommenden Generationen nicht bereits längst auf der Ebene von Trans anstelle der Ebenen von Ego, Multi und Inter? Mode, Musikgeschmack und Essensvorlieben, Sport und Ökonomie, Verkehr und Forschung … auch diese Reihung kann, über die mediale Vernetzung bis hin zur gemeinsamen ökologischen Herausforderung, beliebig verlängert werden.

„Point of no return“ erstritten
Wirklich arm in China ist wie arm in Deutschland, umgekehrt gleichen die Reichen über alle Ländergrenzen und Kontinente einander mehr als dem eigenen armen Landsmann und ist die kulturelle Bande zwischen einer geschlagenen Frau in Brasilien und einer geschlagenen Frau in Russland weitaus stärker als die zwischen ihnen und ihrem jeweiligen Ehemann. Das kann mit Leichtigkeit auch bezogen auf Dorf- und Stadtbewohner*innen (s. Abb.) wie Ärzte*innen, Soldaten*innen, Golfspieler*innen, Flaschensammler*innen, Köchen*innen usw.
durchgespielt werden. Weil sich die Soldaten des sog. Weihnachtsfriedens in Flandern, für einen Moment wenigstens, ihrer Universals bewusst wurden, schlossen sie, jedenfalls am Heilig Abend des Jahres 1914, einen punktuellen Frieden und spielten auf gefrorenem Feld gegeneinander Fußball und sangen aus ihren jeweiligen Schützengräben heraus gemeinsam Weihnachtslieder.

Es ist nicht nur das neue Bewusstsein von „Trans“, das Anlass gibt zu der sicherlich steilen These, dass 2075, wahrscheinlich aber noch früher, Krieg und seine Vorbereitung weltweit tabuisiert sein werden – so, wie vieles im Laufe der zurückliegenden Jahrhunderte bzw. Jahrzehnte zum Tabu wurde. Die Menschheit hat sich auf allgemeingültige Menschenrechte verständigt und Kinderrechte formuliert, sie hat formal die Sklaverei abgeschafft, sie hat die Frauenemanzipation eingeleitet und ist bereit, ökologisch dazuzulernen, sie schafft zunehmend die Todesstrafe ab und ist dabei, noch vieles mehr zu erreichen. Schon lange sind wir davon überzeugt, dass die Erde keine Scheibe ist und sich nicht die Sonne um die Erde dreht, sondern im Gegenteil die Erde um die Sonne. Wir haben viel dazugelernt und sind dabei dazuzulernen. In vielen Bereichen haben wir einen „Point of no return“, oft über langwierige Prozesse hinweg, erstritten. Hier gilt allerdings auch, was beispielsweise für den Mord und seine Tabuisierung gilt: Immer wieder brechen Einzelne oder auch ganze Gruppen in die errichtete Tabuzone ein oder versuchen dieses. Auch nach der Abschaffung der Sklaverei gibt es sie faktisch. Es gibt auch nach wie vor Menschen, die der Auffassung sind, dass die Erde eine Scheibe sei.

Jedenfalls können wir tabuisieren und haben es für viele Bereiche bereits erfolgreich getan. Wir werden deshalb auch den Krieg tabuisieren. Wir werden ihn tabuisieren müssen, weil wir ihn nicht mehr führen können, weil u. a. die gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Infrastrukturen viel zu fragil geworden sind, weil die Menschen zusehends psychisch nicht mehr dazu in der Lage sind (Stichwort: Traumatisierung). Wir können im Krieg Kulturgut schützen und uns auf die Einrichtung von Sicherheitszonen verständigen. Wer solches kann, kann auch den Krieg in Gänze tabuisieren. Und mehr und mehr auch die Gewalt im breiten Spektrum ihrer Erscheinungsformen.

Pazifisten stehen sich manchmal selbst im Weg
Solches Denken entspringt nicht blühender Fantasie, sondern einer analytischen Wahrnehmung gegenwärtiger Fortschrittsprozesse. In Friedenskreisen will man oft nicht gerne von ihnen hören. Nicht, weil sie unbegründet wären, sondern weil sie einem gewissen pazifistischen Snobismus zuwiderlaufen, d. h. der elitären Attitüde, zu wissen, was falsch und richtig ist, und der Berufung, dieses den „Leuten“ sagen zu müssen. Dank des Bösen in der Welt, kann sich der Pazifist bzw. die Pazifistin selbst als der/die Gute zelebrieren. Vor diesem Hintergrund
wird auch verständlich, dass das Aufzeigen von Fortschrittsprozessen, bemerkenswerter Weise, nicht selten ausgerechnet intern provoziert. Und so stehen sich die Gewaltfreien bisweilen selbst im Weg – nicht weit davon entfernt auch mit politischen Vorstellungen, die immer noch geprägt sind von einem an Masse, Zentralismus und Führergestalten orientiertem Denken. Und so überführt sie ein merkwürdiger (bis aggressiver) Widerstand gegen die Feststellung erreichter Fortschritte letztlich des eigenen Unglaubens.

Dabei sind Kern und Basis gewaltfreien Handelns, die Spiritualität der Gewaltfreiheit, noch nicht erwähnt. Weil er im Zwischen seines britischen Gegners und sich selbst, weil er über den beiden Konfliktparteien ein Drittes, die Macht der Wahrheit, annimmt (wir würden sagen: darauf vertraut), deshalb kann Gandhi wiederholt auch einen Gefängnisaufenthalt akzeptieren. Der Macht der Wahrheit, jener Dritten Macht, steht keine der Konfliktparteien prinzipiell näher als die andere. Gewaltfreiheit setzt auf überraschungsoffene Prozesse im Vertrauen auf das Dritte, Christ*innen sprechen hier von Gott, in jüdischer Glaubensperspektive ist es JHWH. Das verurteilt nicht zur Tatenlosigkeit, sondern motiviert zu einem hoch kreativen Engagement im Sinne einer Mobilisierung des
Dritten. Herrschaftsstrukturen und Militär stehen dem konträr entgegen. Aus diesem Grund sieht sich das Königtum im alten Israel als atheistisch verurteilt, so wie das militärische Vertrauen auf Rosse, Reiter und Wagen. In einer unmissverständlichen Zeichenhandlung reitet Jesus konsequenterweise nicht auf einem (Kriegs-)Pferd, sondern auf einem Esel in Jerusalem ein. Mit einem Esel kann man keinen Krieg führen.

Prof. Dr. Prof. h.c. Egon Spiegel, Dipl. Theol. und Dipl. Pol., ist Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie an der Universität Vechta sowie Visiting Professor an der UWM Olsztyn in Polen und Advisory Professor an der Nanjing University in China.

www.egon-spiegel.net

 

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