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pax christi-Seminar im Kloster Nütschau und in Lübeck

29. Sep 2026

„Menschen der Gewaltfreiheit – erinnert in Zeiten von Unfrieden und Krieg"

Vom 16. bis 20.9.2026 führte die pax christi-Kommission „Aktive Gewaltfreiheit“ in Zusammenarbeit mit der KHG-Lübeck, mit der Projektstelle „gewaltfrei wirkt“ von pax christi Dt. Sektion und mit dem pax christi Diözesanverband Münster das Seminar „Menschen der Gewaltfreiheit – erinnert in Zeiten von Unfrieden und Krieg“ durch. 23 Personen nahmen daran teil.  Die Seminarorte waren das Kloster Nütschau sowie Lübeck, die Stadt der vier Widerständler bzw. Märtyrer vom 10.11.1943. 

Zum Hintergrund dieses Seminars: Es fand statt in Zeiten, in denen sich weltweit eine Kultur der Macht ausbildet, die zunehmend aus Polarisierungen und Gewalt besteht und in der sich das Recht des Stärkeren zuungunsten der Stärke des Rechts ausbreitet. Weltweit entwickelt sich eine Tendenz zu militärischer Eskalation; damit normalisiert sich Krieg als Mittel der Politik; ethische Kriterien, die solches zu begrenzen suchen, werden ausgehöhlt. Friedenslogisches Gedankengut rückt immer weiter in den Hintergrund zugunsten einer Sicherheits- bzw. Abschreckungslogik, die neues Wettrüsten zeitigt. Internationale Abkommen zur nuklearen Abrüstung werden seit Jahren demontiert. „Dieses Klima ist es, in dem die Menschheit in eine gewalttätige Machtkultur abgleitet, in der Friede nicht mehr als eine Aufgabe erscheint, der man sich stellen muss, sondern als eine prekäre Unterbrechung zwischen Konflikten.“ (Leo XIV., Enzyklika Magnifica Humanitas, Nr. 192)  

pax christi setzt sich verstärkt ein für einen „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“, wie ihn auch Papst Franziskus und Papst Leo XIV. immer wieder einfordern. Aktive Gewaltfreiheit als Kern politischen Handelns für eine gerechte Welt ohne Gewalt und Waffen ist immer wieder neu zu erinnern. Inspirierend ist die Erinnerung an Menschen, die sich mit gewaltfreien Mitteln aktiv dem Unrecht entgegenstell(t)en und es zu überwinden such(t)en sowie die Quellgründe für eine solche Haltung und Überzeugung. Dabei geht es um die Ehrfurcht vor dem Leben und fundamental um das Bewusstsein der Gleichheit und der Geschwisterlichkeit aller Menschen. Und es geht um ein Engagement für Verständigung und Entfeindung, das sich aus der Erkenntnis speist, dass Sicherheit auf unserem Planeten nur gemeinsam und nicht gegeneinander zu haben sein wird. Damit ist die inhaltliche Stoßrichtung unseres Seminars beschrieben. 

Martina Freise (Berlin), Trainerin bei „gewaltfrei handeln e.V.“ in Wethen, inspirierte zu einem Austausch über die je persönlichen Zugänge der Teilnehmenden zum Thema „Gewaltfreiheit“. Thematisiert wurden Gewaltfreiheit als Lebensprinzip und die Säulen der Gewaltfreiheit, d.i. die Antwortsuche auf die Frage, was es braucht, um aktiv gewaltfrei zu sein. 

An ausgewählte Vorläufer:innen in Aktiver Gewaltfreiheit wurde jeweils zu Beginn jeden Seminartages erinnert; es kamen in den Blick: Hildegard Goss-Mayr und Jean Goss (Österreich), Mahatma Gandhi (Indien), Sr. Dorothy Stang (Brasilien). Dorothy Day wurde in einer eigenen Abendeinheit vorgestellt von Judith Samson aus der Diakonischen Gemeinschaft Brot und Rosen in Hamburg, die sich der von D. Day gegründeten Catholic Worker-Bewegung angeschlossen hat. 

Dr. Thomas Nauerth (Bielefeld), Professor für Religionspädagogik am Institut für Kath. Theologie der UNI-Osnabrück arbeitete mit uns in vier Einheiten zu folgenden Themen: (1) „Den Glauben an die Gewalt verlieren – Vom unseligen Mythos erlösender Gewalt“. Im Fokus: Warum wird tötende Gewalt als staatliches Mittel so selten hinterfragt? Warum wird Gewalt überhaupt als vernünftig angesehen? Warum muss „Gewaltlosigkeit“ begründet werden, nicht aber „Gewalt“? (2) „Den Glauben an die Gewalt verlieren - Ein biblischer Lernprozess“: In der Bibel ist eine heftige Auseinandersetzung über die Frage der Gewalt zu beobachten. Die sog. biblischen Ahnenerzählungen können als Lernfelder konstruktiver Konfliktlösungen unter Menschen verstanden werden, die sich in Geschwisterschaft (vgl. z.B. den Gedanken der Stammelternschaft im Buche Genesis) zueinander verbunden sehen. (3) „Geschwisterlichkeit weltweit! – Konturen neuerer päpstlicher Friedenstheologie“: Weithin unbemerkt hat sich in den Pontifikaten seit Johannes XXIII. eine Friedenstheologie entwickelt, die die alte katholische Kriegsethik allmählich ablöst. „Ihr alle seid Brüder!“ ((gemeint i.S.v. Geschwister) Weihnachtsbotschaft 1964 von Paul VI.) wird zur stetigen Erinnerung und Mahnung. (4) „‘Machen wir die aktive Gewaltfreiheit zu unserem Lebensstil!‘ (Papst Franziskus, Weltfriedenstag 2017) - Und: Von Zeugen der Gewaltfreiheit lernen“: Um Neues zu lernen, sind biographische Beispiele hilfreich. Sie sollen und können nicht imitiert werden, aber sie bieten und eröffnen einen Raum des Fragens und des Lernens. „In dieser Zeit voller Zerstörung sind wir als Glaubende aufgerufen, für alle und vor allen anderen die Brüderlichkeit (gemeint ist Geschwisterlichkeit) aufzubauen und im Namen des Allmächtigen Wege der Versöhnung zu bahnen.“ (Papst Franziskus in einer Botschaft am 6.12.2023 an die Europäische Rabbinerkonferenz)

Mit dem Wechsel des Seminarortes von Nütschau nach Lübeck (Propsteigemeinde Herz Jesu) kamen die vier Lübecker Märtyrer (Eduard Müller, Johannes Prassek, Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink) in den Blick. Die VIER wurden am 10. November 1943 im Hamburger Gefängnis am Holstenglacis mit dem Fallbeil hingerichtet wegen „Wehrkraftzersetzung, Heimtücke, Feindbegünstigung und Abhören von Feindsendern“. 
Die Beschäftigung mit ihnen begann mit einer Alternativen Stadtführung mit Hochschulseelsorger Matthias Schultz (Lübeck), auf der dem Lübecker Orts- und Lebenskontext der VIER als Widerständler bzw. Märtyrer nachgespürt werden konnte.

Jochen Proske (Lübeck), der Leiter der kath. Gedenkstätte, brachte die Lübecker Propsteigemeinde Herz Jesu nahe, in der drei der VIER als Kapläne gearbeitet hatten. Sie liegt mitten in der Altstadt. Die Orte des Widerstandes und der Verfolgung liegen in ihrer unmittelbaren Nähe: das damalige Pfarrhaus mit der Wohnung der drei Kapläne, die Kirche, das Marien-Krankenhaus, das damalige Gesellenhaus und das Zeughaus als damalige Zentrale der „Gestapo“. In der Gedenkstätte selber wurde ausführlich berichtet über die Lebens- und Entwicklungswege der Männer, über ihre Schritte in den Widerstand, ihre Haltung, ihr Umfeld, das sie getragen und auch in der Haft unterstützt hat etc.. Und es ging um die Frage nach der Quelle des Mutes und der Widerstandskraft, die für alle sehr eng mit Jesus dem Christus, seinem Leben in Wort und Tat, in Verbindung steht. Die VIER zeichnet neben ihrer Widerstandskraft auch aus, dass sie angesichts der Willkür der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die trennenden Grenzen der Konfessionen überwanden und zu gemeinsamem Urteil sowie zu gemeinsamen Handeln fanden – ein Beispiel für die „Ökumene der Märtyrer“. 

Ins Seminarprogramm wurde eingespeist eine Führung im Europäischen Hansemuseum (eröffnet 2015) unter dem Thema: „Handel, Wandel und Politik in der Hanse“. Im Fokus: Was entwickelte sich an bis heute noch wirkenden Gesellschafts- und Handelsstrukturen schon im Mittelalter – und wie arbeitete die Hanse? Wir tauchten in die Geschichte der Hanse ein und suchten beispielhaft das Vergangene mit der Gegenwart zu verknüpfen und uns mit den Licht- und Schattenseiten der Hanse in Berührung zu bringen. Die Hanse baute internationale Kontakte und Kooperationsstrukturen auf, schuf aber im Gefolge auch Lebensbedingungen, die wenigen Menschen viele Vergünstigungen und Reichtum brachten und für andere Benachteiligungen und Verarmung zur Folge hatten. Ziel war, den Blick und das Gehör zu schärfen für Konflikt- und Gewaltsituationen damals und heute und die Perspektive Aktiver Gewaltfreiheit im Heute zu bedenken: z.B. bzgl. der Handelswege und Handelskriege, bzgl. der Reichtums- und Armutsentwicklungen. 

Mit einem ökumenischen Zeichen, mit dem Besuch der Lutherkirche, die Karl Friedrich Stellbrink als evgl.-luth. Pastor bis zu seiner Verhaftung 1942 geleitet hatte, endete das Seminar. Nach dem Sonntagsgottesdienst gestaltete Pastorin Constanze Oldendorf unsere letzte Seminareinheit. Im Fokus: Karl Friedrich Stellbrink: Sein Lebenslauf, seine Entwicklung vom Anhänger des Nazi-Regimes aufgrund seiner deutsch-nationalen Grundhaltung hin zum Gegner Hitlers durch Einsicht in den „wahren“ Charakter des Nationalsozialismus und die Annäherung an die drei katholischen Kapläne. Parallel zu seinem antikatholischen Affekt schwand auch seine antijüdische Einstellung. Nach einer Feedback- bzw. Abschlussrunde in der Lutherkirche ging es an die Rückreise.

Die Teilnehmenden haben sich – so die Rückmeldungen - bestärkt erlebt in ihrer Sicht auf Haltung und Einsatz für Aktive Gewaltfreiheit. Mit Worten von Leo XIV. aus seiner Enzyklika Magnifica Humanitas 
Nr. 212 lässt sich die Erfahrung zusammenfassen: „Niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge).“ 
 

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